Die Nacht ist vorbei.

Der Stern über dem Stall, die Engel mit der Friedensbotschaft, die Hirten, Maria, Josef und das Kind in der Krippe, all das haben wir gestern Abend gefeiert. Wir haben uns hineinnehmen lassen in das Geheimnis dieser Nacht: Gott ist Mensch geworden. Als kleines wehrloses Kind liegt er in einem Stall draußen vor den Mauern der kleinen Stadt Bethlehem.

Und jetzt, am Tag? Da hören wir von dem gleichen Geschehen, aber aus einer anderen Perspektive. In einem kraftvollen Hymnus verkündet uns Johannes was geschehen ist: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.   Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ Wir werden herausgerissen aus der Begrenztheit des armseligen Stalles in Bethlehem und hineingezogen in das, was geschieht, wenn Gott Mensch wird, wenn das Wort Fleisch wird. Das, was dort in der Nacht geschehen ist, hat Bedeutung für die Welt, für die ganze Schöpfung.

Aber: Die Welt erkennt ihn nicht

Johannes verbindet mit der Welt alles das, was die Menschen zur Zeit Jesu davon abgehalten hat, ihn als den Messias zu erkennen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. „Die Welt“, das, was oft den Alltag ausmacht, verstellt den Blick auf das Licht, das jeden Menschen erleuchtet. „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt hat ihn nicht erkannt.“ Wie kann das geschehen, dass die Welt den nicht erkennt, durch den sie geworden ist.

Ich denke, dass hat mit der Art und Weise zu tun, wie die Welt sich entwickelt hat. Sie hat sich von dem entfernt, was ihr eigentliches Ziel ist. Das beginnt mit der Vorgabe in der Schöpfungsgeschichte, in der die Erde den Menschen zur Fürsorge anvertraut ist und nicht zur beherrschenden Ausbeutung. Das beginnt da, wo Menschen beginnen übereinander zu herrschen anstatt miteinander zu leben. Das beginnt da, wo wir ganz bestimmte Vorstellungen haben von Gott, vom Messias, davon wie etwas sein muss und keine Aufmerksamkeit mehr haben für das Andere, das Unverhoffte, das Unerwartete. Die Welt erkennt ihn nicht, weil sie nicht damit rechnet, dass er so kommt, wie er gekommen ist, als Kind, geboren in Armut, in eine ganz normale Familie hinein. Und doch ist dieses Kind, das wahre Licht, das die Finsternis erhellt.

 

Das wahre Licht das jeden erleuchtet.

Was geschieht, wenn wir uns diesem Licht aussetzen? Es ist bereit, uns zu erleuchten. Wenn wir uns erleuchten lassen, wenn wir offen sind für dieses Licht. Das bedeutet für mich nicht dass alles und alle gleich im Sinne von gleichförmig sind. Nein, das Licht, das in uns wirkt, lässt jeden und jede in der eigenen Einzigartigkeit erstrahlen.

Vertrauen wir doch einfach diesem Satz der an jeden von uns gerichtet ist: Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Schauen wir uns um: das wahre Licht ist in jedem von uns.

Das bedeutet, dass es keine Ungleichheit mehr gibt, keine Über- oder Unterordnung. Wenn wir auf das Leben Jesu schauen, dann ist das immer wieder sein Anliegen, dass er gegen Standesunterschiede Stellung bezieht. Nicht anderes ist seine Hinwendung zu denen, die als Sünder an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Den Armen, die sich nicht an die religiösen Bräuche und Vorschriften halten können, sagt er: das wahre Licht erleuchtet euch.

Gestern am Abend haben wir gefeiert, dass Gott in einem Stall bei den Armen zur Welt kommt. Heute am Tag feiern wir, dass er in jedem Menschen zur Welt kommt der sich ihm und seinem Licht öffnet.

 

Die Macht Kinder Gottes zu werden

Das, was vorher schon gesagt wurde, wird nun genauer benannt. Allen, die ihn aufnahmen gab er Macht Kinder Gottes zu werden. Das deutsche Wort „Macht“ klingt in unseren Ohren wahrscheinlich sehr mächtig, herrscherlich. Gemeint ist hier aber mehr die Fähigkeit, die Ermöglichung, Er macht es uns möglich, er befähigt uns, Kinder Gottes zu werden. Der einzelne alleine kann das bewirken – wenn er sich einlässt, wenn er das Licht annimmt. Herkunft, Geburt oder Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk oder einem bestimmten Stand spielen dabei keine Rolle mehr. Es gibt keine Standesunterschiede mehr. Das, was uns eint ist alleine der Glaube an ihn und die Tatsache, dass wir ihn aufnehmen: „Allen aber, die ihn aufnahmen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes sondern aus Gott geboren sind.“

Der Evangelist Johannes zeigt uns hier, wie einfach und unkompliziert es eigentlich ist, sich auf diesen Gott einzulassen. Es gibt keine Vorbedingungen, es genügt ihn aufzunehmen und an seinen Namen zu glauben, zu glauben, dass mit diesem Kind Gott zu uns gekommen ist.

Wie das geht, ihn aufzunehmen und an seinen Namen zu glauben, das bleibt in diesem Evangelium heute offen. Wahrscheinlich ist es für jeden von uns anders und doch sind wir darin miteinander verbunden. Weil wir Kinder Gottes sind.

 

Erstveröffentlichung: ©Katholische Bibelwerk Stuttgart, Gottes Volk, 1/2013

Zusätzliche Informationen

Predigt und Supervision

Dr. Abraham Roelofsen