Predigt zu Mt 10,37-4

Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Was Matthäus uns hier als Voraussetzung für die Nachfolge anbietet, ist beim ersten Hören nur schwer zu akzeptieren. Offensichtlich ist Jesus hier von einer Naherwartung geprägt, die alle Rücksichten auf bestehende familiäre und freundschaftliche Verbindungen in den Hintergrund treten lässt. Dazu kommt eine sehr realistische Einschätzung darüber, wie „die Welt“ und Vertreter und Verfechter der traditionellen Ordnung mit denen umgehen wird, die diese Ordnung, das bisher gewohnte Denken und Handeln, in Frage stellen.

 

Neuen Zeiten brauchen neue Worte

Wer Neues denkt lebt gefährlich

Es lohnt sich, im Blick auf unseren Textabschnitt einmal das gesamte Kapitel 10 aus dem Matthäusevangelium zu lesen. Die, die neue Ideen und Vorstellungen von Gott und den Menschen haben, werden angefeindet, vor die Richter gezerrt und sie werden zugrunde gerichtet. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass Jesus, so wie Matthäus ihn uns vorstellt, solche radikalen Vorstellungen von seiner Nachfolge und der Verkündigung der Gottesherrschaft hatte. Wahrscheinlich muss auch davon ausgegangen werden, dass die Gemeinde, für die Matthäus sein Evangelium schreibt ähnliche Erfahrungen von Anfeindung und Schwierigkeiten bis in die Familien hinein  gemacht hat.

Das war damals. Und heute? Hier in einer freien, friedlichen Gesellschaft, in der jeder jede Weltanschauung und Religion frei wählen und leben darf?

Die Tradition gibt mir Halt

Das, was die Botschaft Jesu ausmacht, ist in unserem Textabschnitt die Aufforderung zur Entschiedenheit und dazu, möglicherweise die traditionellen Werte und Bräuche in Frage zu stellen. Ich erlebe manchmal in besonderen Gottesdiensten Ausdruckformen und eine Sprache, die mir fremd sind, die nicht zu meinem Verständnis von Liturgie passen wollen. "Wie kann man nur" liegt mir dann sehr schnell auf den Lippen.  Ich habe es von meinen Eltern, Erziehern und Pfarrern anders kennen- und schätzen gelernt. Und das möchte ich nicht aufgeben. Wem bin ich mehr verbunden? Meiner Tradition, dem was die Eltern mir beigebracht haben, oder dem, was Jesus mir in seiner Verkündigung nahe bringt. Manchmal, wenn ich so gar nicht mit dem Anspruch Jesu zurecht komme, Entscheidungen zu treffen und Position zu beziehen, dann wünsche ich mir die "gute alte Zeit" zurück, die Zeit, in der ich einfach in den Gottesdienst eintauchen konnte, die lateinischen Choräle mich durch das sonntagtägliche Hochamt trugen und in der Gemeinde alles klar und geordnet zuging.

Trau dich

Heute werde ich mit Fragen konfrontiert. Ich fühle mich herausgefordert, sehe mich als Christ im Widerspruch zu politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen. Ich fühle mich im Jugendgottesdienst aus meiner liturgisch spirituellen Ruhe aufgeschreckt. Ich will zurück zu dem, wie es früher war. Und während ich in diesen Gedanken und Empfindungen versinke treffe ich auf das Evangelium von heute: Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich ist meiner nicht wert. Und ich höre: Wer in dem, was er von den Eltern übernommen hat versinkt und sich nicht selbst meiner Botschaft stellen will, der taugt nicht für das Reich Gottes. Wer lieber in dem Alten, Vertrauten, "Dem-von-damals" verharrt, ist meiner nicht wert. Und ich verstehe, dass es nicht um die Liebe zu den Eltern, zu Vater und Mutter geht, sondern dass es darum geht, mich auf die eignen Füße zu stellen. Ich soll das wohlige Nest der Ursprungsfamilie verlassen und mich auf machen. Die Nachfolge Jesu und die Verkündigung vom Reiche Gottes braucht immer wieder neue Worte und neue Formen in neuen Zeiten. Denn es sind immer wieder neue Menschen denen die alte unveränderte Botschaft immer wieder neu und in neuer Weise gesagt werden muss.

Zusätzliche Informationen

Predigt und Supervision

Dr. Abraham Roelofsen