Predigt zu Joh 8,1-11

Das Evangelium von der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin – besser sagen wir: v Evangelium von der Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde. – ist sicherlich einer der bekanntesten und auch schon häufig ausgelegten Texte des Neuen Testamentes. Dabei geht es den Anklägern gar nicht um den Ehebruch. Es geht vielmehr um Selbstgerechtigkeit und darum, dass Jesus denjenigen, der eine Sünde begangen hat, nicht verurteil. Er bietet ihr eine neue Chance, ihren eigenen Weg zu finden.

 

Peinlich

Ganz offensichtlich eine peinliche Situation. Die Männer bringen eine Frau zu Jesus, stellen sich um sie herum - bilden einen festen Kreis dass sie nicht weglaufen kann - und fordern die Steinigung. Das Gesetz sieht es so vor.

Worin besteht eigentlich der Ehebruch? Sie hat ihre eigene Ehe gebrochen, das heißt sie ist von ihrem Mann weg zu einem anderen Mann gegangen. Oder hat sie nur mit ihm geschlafen? Es bleibt unklar, was die genaueren Umstände sind. Sie ist auf jeden Fall keine Prostituierte, wie oft angenommen wird.

Was soll Jesus tun? Er kann es nicht gut heißen, dass die Frau sich einem anderen Mann hingegeben hat. Er will aber auch nicht, dass sie deswegen gesteinigt wird.

 

Sehnsucht nach Liebe

Vielleicht hat die Liebe sie zu dem anderen Mann getrieben. Vielleicht ist es überhaupt die Sehnsucht nach Liebe, Zuneigung, Aufmerksamkeit, die sie aus der eigenen Beziehung hat weglaufen lassen. Wir wissen es nicht. Aber bleiben wir einmal dabei, dass Sehnsucht nach Liebe, nach Zuwendung das Motiv ist. Diese Zuwendung erfährt die Frau auf eine Besondere Weise durch das Handeln Jesu.

Doch alles der Reihe nach.

Zunächst sieht das Verhalten Jesu garnicht nach Zuwendung aus, Es ist nicht einmal gesagt, dass er sie überhaupt anschaut. Er ist vielmehr betreten und schaut auf den Boden, malt etwas in den Staub, ist anderweitig beschäftigt; peinlich berührt. [Die Exegeten bringen das Schreiben auf den Boden mit einem Vers bei Jer 17,13 in Verbindung: „Du Hoffnung Israels, Herr! Alle, die dich verlassen werden zuschanden, die sich von dir abwenden, werden in den Staub geschrieben.“ Das meint, ihre Namen verschwinden wie der Staub, der vom Wind fortgeweht wird.]

 

Allein

Ich stelle mir die Situation vor und spüre, wie alleine die Frau dasteht. Die drohenden Männer um sie herum, und der andere, der da sitzt und sie offensichtlich nicht beachtet. Dann schaut er auf, aber immer noch nicht die Frau an. Er spricht zu den Männern. Es ist das Todesurteil: Ja, steinigt sie! (Ist uns eigentlich klar, dass Jesus hier der Gesetzesvorschrift, Steinigung bei Ehebruch zustimmt?) Aber, fährt Jesus fort: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Immer noch ist die Situation bedrohlich. Wie sicher kann die Frau sein, dass nicht doch einer dabei ist, der sich für sündlos hält? Und immer noch schaut er sie nicht an. Wie teilnahmslos schreibt er wieder auf die Erde.

Sekunden denen sich zu Minuten. Dann schaut Jesus wieder auf und alle sind fort. Nur er und die Frau sind noch da. Sie haben sie nicht verurteilt, nicht verdammt.

 

Begegnung

Jetzt sieht Jesus die Frau an. Es kommt zur Begegnung. Und nun die befreienden Worte: „Hat dich keiner verurteilt?“ „Keiner Herr“. Auch Jesus verurteilt sie nicht sondern gibt ihr ein Wort mit auf den Weg: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.“ So lesen wir es in der Einheitsübersetzung. Man kann aber auch übersetzen: Verfehle deinen Weg, dein Ziel nicht. Das ist mehr, als nur das Gesetz nicht zu übertreten. Es bedeutet auch, schau auf das, was dir als Lebensweg, als Lebensziel vorgegeben ist. Gut manchmal liegt das nicht so offensichtlich vor uns, aber es ist uns aufgegeben, danach zu suchen, ein Gespür dafür zu entwickeln, was uns aufgegeben ist. Manchmal ist es nur ein wach- und aufmerksam sein für das, was in konkreten Situationen uns als Gabe und Aufgabe entgegenkommt. Auf diesem Weg zu deinem Ziel, wirst Du die Liebe, die du gesucht hast finden. So denke ich kann man die Aufforderung - oder ist es ein Angebot, eine Ermutigung - Jesu verstehen.

 

Selbstgerechtigkeit

Und die anderen? Die, die sich so sicher waren, dass sie im Recht waren?.Jesus kann die Übertretung des Gesetzes nicht gut heißen. Aber in gleicher Weise wendet er sich gegen das rechthaberische Getue der anderen.

Wir wissen oft nicht, was Menschen treibt, Gesetze zu übertreten, anderen Menschen weh zu tun. Aber wir sind schnell dabei sie zu verurteilen, Dabei geht es nicht darum, ein bestimmtes Handeln gut zu finden, das Schlagen, die Körperverletzung, den Diebstahl, oder sogar Todschlag und Mord. Es um den Umgang damit. Um das Sich-soviel-besser-fühlen als die da. Wenn ich von solchen Verbrechen höre, dann merke ich wie ich dagegen angehen will, Wut, Entsetzen und Verzweiflung in mir aufsteigen. Aber auch hier gilt der Satz: „Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von nun an nicht mehr.“

Dieser Satz ist nicht einfach ein Freispruch. Es ist nicht gesagt: das war nicht schlimm, was du gemacht hast. Aber er ist die Zusage: Geh und nimmt dein Leben in die Hand. Du kannst es schaffen. Dabei ist es sicher oft so, dass Menschen auf diesem Weg Unterstützung und Hilfe benötigen.

Wir wissen aus der Schrift nicht, was aus der Frau geworden ist. Aber wir wissen, dass Jesus sich gegen alle Selbstgerechtigkeit stellt, gegen die Vorstellung dass es so etwas gibt wie die zwei klar voneinander geschiedenen Seiten: auf der einen Seite die Guten und auf der anderen Seite die Bösen.

Zusätzliche Informationen

Predigt und Supervision

Dr. Abraham Roelofsen