Jes 7,10-14

Es lohnt sich, diese berühmte Immanuelweisagung an Ahas einmal nicht nur mit unseren christlichen Ohren auf Jesus hin zu lesen, sondern sich das Geschehen zwischen Ahas und Jesaja etwas genauer anzusehen. Es geht nämlich um sehr viel mehr als um eine Messiasverheißung. Denn was nützt alle Verheißung, wenn der Glaube und das Vertrauen fehlen.

 

Predigt zu Jes 7,10-14

Wer kennt sie nicht die Jesajaweissagung aus Kapitel 7 über die Jungfrau, die einen Sohn gebären und ihm den Namen Immanuel geben wird? Und doch ist die gesamte Geschichte zwischen Ahas und Jesaja vielen nicht bekannt. Wir hören mit unseren christlichen Ohren das Wort vom Immanuel – Gott mit uns – und sind mit unseren Gedanken schon bei Jesus aus Nazareth, unserem Immanuel.

Wenn wir so denken, werden wir aber dem Geschehen zwischen Ahas und Jesaja nicht gerecht, sondern benutzen das erste Testament nur als Stichwortgeber für unser zweittestamentliches christliches Denken über Jesus. Dabei lohnt es sich, die beiden Kontrahenten etwas näher anzuschauen.

 

Der historische Hintergrund

Die Könige von Israel(Epfraim) und Syrien haben sich gegen Ahas, den König von Juda verbündet und wollen Jerusalem erobern. Ahas bekommt es mit der Angst zu tun und bittet den König von Assur um Hilfe.

Jesaja, der Prophet ist auf das Wort Gottes hin gegen diese Koalition und ermahnt den König, sich nicht einschüchtern zu lassen. Mit dem notwendigen Gottvertrauen lässt sich diese Situation meistern. Als äußeres Zeichen seiner Hilfe bietet Gott über den Propheten dem König ein Zeichen an.

Ahas aber will dieses Zeichen nicht. Wenn er dem zustimmen würde, könnte er seine politischen Ziele, nämlich sich mit Assur zu verbünden, nicht durchführten. Er traut dem König von Assur mehr als Gott. „Assur-mit uns“, ist sein Prinzip und nicht „Gott mit uns“.

 

I. Koalitionen führen zu gegenseitiger Einflussnahme

Wir kennen diese gegenseitigen Abhängigkeiten auch in unserer Zeit. Ich kann die Spielregeln nicht mehr alleine bestimmen. Eigentlich ist das ganz normal. Keiner lebt für sich alleine. Das beginnt schon wenn ich einen Partner finde. Jetzt sind wir zu zweit und wir müssen uns einigen auf das, was in unserem Zusammenleben gelten soll. Solange dabei jeder und jede das Wohl des anderen mit im Blick hat, wird das gut gehen.

Vielleicht ist es ja für Ahas, den König des kleinen Juda eine politische Überlebensstrategie, sich mit Tiglatpelessar von Assur zu verbünden, einen starken Partner an der Seite zu haben. Aber der Preis, sagt der Prophet, der Preis ist zu hoch. Assur wird über dich bestimmen wollen und damit auch Einfluss nehmen auf deinen und den Glauben deines Volkes.

Mir kommt dieses Denken bekannt vor. Die Gier, unbedingt immer mehr Geld haben zu wollen, lässt den Blick auf die Mitmenschen verschwinden. Denen, die die faulen Häuserkredite einfach weiterverkauften und damit den Finnanzcrash auslösten, waren die Besitzer der Häuser egal.

Es ist auch richtig, alles dafür zu tun, dass die Kinder eine gute Schulausbildung bekommen. Aber wenn das nur mit Hilfe von Medikamenten und Nachhilfe hier und Sport und Musikunterricht dort gelingt, dann werden wir den Kindern und ihrer eigenen Persönlichkeit nicht gerecht. Wenn schon im zweiten Schuljahr die Zeit drängt, bleibt vielen Kindern wenig Zeit, ihren eigenen Rhythmus, ihr Tempo zu finden.

Lassen Sie mich noch ein drittes Beispiel nennen. Wir haben unsere Soldaten in den Krieg nach Afghanistan geschickt. Aber haben wir überhaupt andere Alternativen in den Blick genommen? Setzen wir mit der gleichen Kraft und finanziellen Energie auch auf andere Möglichkeiten der Befriedung. Ich denke dabei an die mühevolle Arbeit der Friedenarbeiter und der Graswurzeldiplomatie. Ich weiß nicht, ob es in Afghanistan funktionieren würde, aber, es muss möglich sein, darüber nachdenken zu dürfen und es auszuprobieren. Es gibt Beispiele in kleinen Bereichen z.B. in Afrika, wo das funktioniert hat.

 

Aber Ahas war eben wie wir, wie die Menschen, die in unserer Zeit Entscheidungen treffen. Er wollte auf das offensichtliche, das offenbar Bewährte setzen. Und da sagt der Prophet: Du Feigling. Glaube daran: Gott ist mit uns!!!! Aber es ist nicht immer leicht, so ins Ungewisse hinein auf Gott zu setzen.

 

Wie geht Gottvertrauen?

Gottvertrauen heißt zunächst einmal, Ruhe zu bewahren. Die Augen offen zu halten und den Blick auf die eigenen Fähigkeiten die eigene Stärken setzten. Es heißt sicherlich auch, nicht sogleich das Offensichtliche tun, das was alle tun, das, was immer getan wurde. Gottvertrauen heißt auch, sich wagen und sich trauen eigene Wege zu gehen. Diese Kraft aufzubringen, gegen die Widerstände der öffentlichen und veröffentlichten Meinung anzugehen ist oft sehr schwer. Ist es schlimm, wenn ein Kind in der dritten. oder vierten Klasse noch nicht lesen kann? Sicher dann, wenn der Lehrplan und die Unterrichtsweise das vorsehen. Wenn wir uns aber die Freiheit nehmen, dem Kind seine eigene Zeit zu lassen, und auf seine Kräfte vertrauen, das Lesen dann zu lernen, wenn es dafür bereit ist, dann merkt das Kind, ich darf mein Tempo gehen. Und wir sagen - sicher auch im Vertrauen auf Gott - ja du darfst deinen Weg gehen.

 

Vertrauen braucht Unterstützung

Das kann nun aber nicht heißen, dass ich mich als Erwachsener ruhig in die Ecke setze und darauf warte, dass es passiert. Ich muss schon schauen, wo und wie das Kind meine Unterstützung benötigt. Die wichtigste und größte Unterstützung heißt dann aber: „Ich glaube an Dich!“ und nicht, der Druck der von der Frage kommt: „Was müssen wir noch tun, dass es gelingt?“ Es gibt wahrscheinlich im Leben viele Situationen, mehr als uns so spontan einfallen, in denen wir aufgrund einer realen Situation die uns herausgefordert hat, etwas getan haben, vom dem der sogenannte „normale Menschenverstand“ sagen würde: wie kann man nur. Ja es kann sein, dass, wenn wir mit Gottvertrauen an etwas herangehen, Menschen sagen könnten: die sind verrückt. Aber vielleicht geht es ja auch darum, ver-rückt zu werden.

Ahas hatte Angst, sich ver-rücken zu lassen.

Das Evangelium berichtet uns von einem Mann, der sich dieser Ver-rücktheit ausgesetzt hat. Josef, Marias Mann.

 

Gottvertrauen ohne Verstehen

Das, was dem Josef da zugemutet wird ist schon nahe an der Grenze. Er soll darauf vertrauen, dass Maria keinen anderen Mann hat, und die Schwangerschaft mit Gott zu tun hat. Das war noch nie da. Und deshalb kann es eigentlich auch nicht sein. Und doch lässt er sich drauf ein. Er versteht zwar nicht, was da geschieht, aber er steht zu Maria und ihrem Sohn. Die orthodoxe Ikonographie hat sich dieser Situation auf eine sehrt menschliche Weise angenommen. In einer orthodoxen Weihnachtsperikope liegt in der Regel Maria im Zentrum, umgeben von Engeln und Heiligen. Am unteren Bildrand aber, sitzt Josef. Gedankenverloren sitzt er da, das Kinn in die Hand gestützt, den Blick voller Zweifel und Fragen schaut er aus dem Bild hinaus. Er versteht nicht, was da passiert, aber er riskiert es. Ohne viel zu fragen oder erklärt haben zu wollen, geht er seinen Weg, tut er das, was getan werden muss.

Vielleicht ist es genau das, was „Gottvertrauen“ meint. Einfach: zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle das tun, was getan werden muss. Ohne viel zu fragen JA-sagen und darauf vertrauen, dass sich für die Probleme, die sich aus dieser Situation ergeben, Lösungen finden lassen.

Immanuel, Gott mit uns! Ob wir Ahas oder Josef heißen, Der Satz der Schrift gilt auch uns: Mit Gottvertrauen und der Besinnung auf die eigenen Stärken. Sagen wir ja zu dem, was uns begegnet uns herausfordert. Das Zeichen ist uns gegeben. Gott ist mit uns.

 

 

Erstveröffentlichung: GOTTES VOLK, 1/2011 katholisches Bibelwerk

Zusätzliche Informationen

Predigt und Supervision

Dr. Abraham Roelofsen