Predigt zu Gen 3,9-15

Die Geschichte von der Erschaffung der Menschen und seinem Leben im Garten Eden, endet jäh mit der Vertreibung aus dem Paradies. Adam und Eva stehen im Gespräch mit Gott nicht zu ihrer Verantwortung, dass sie das gebot übertreten haben. Im Blick auf die Bedeutsamkeit der Konsequenz, ist es hilfreich, für die Predigt auch einen kurzen Blick auf die „Verführungsszene“ zu werfen. Ist es wirklich eine Sünde, klug sein zu wollen? Und ist die Beschwernis bei der Arbeit und sind die Schmerzen bei der Geburt wirklich nur eine Strafe?

Der Abschnitt aus dem Buch Genesis ist zusammen mit der vorhergehenden Schilderung des Gesprächs zwischen der Frau und der Schlange wohl einer der wirkmächtigsten Texte der Hl.Schrift und damit zugleich einer der tragischsten.

Man muss aber, um dem Text und seiner Wirkungsgeschichte gerecht zu werden, das Vorhergehende mit in den Blick nehmen.

 

Was vorher geschah: Von der Sünde der Klugheit!

Was treibt die Frau dazu, sich auf das Gespräch mit der Schlange einzulassen? Wir alle kennen die uns überlieferte Antwort: Sie – die Menschen – wollten sein wie Gott. Das ist eine der tragischsten Übersetzungsfehler der Weltgeschichte. In der richtigen Übersetzung muss es heißen: „Sie wollten sein wie Gott erkennend Gut und Böse.“ Es geht also um Klugheit und Erkenntnis. Das dies und die Wahrnehmung des Unterschieds von Gut und Böse, Wahr oder Falsch Qualitäten sind, die uns in die Nähe Gottes führen ist die eine Folge dieser Fähigkeit (In Gen1,-2,4a wird von Gott gesagt, dass er den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis schuf. Was anderes ist das Ergebnis aus Gen 3 auch nicht.) Zugleich kann sie uns auch von Gott wegführen, wenn wir uns gegen ihn entscheiden. Aber wir könne uns entscheiden.

Die nun erworbene Möglichkeit zu Klugheit und Erkenntnis führt generell zu der Fähigkeit das andere und den anderen als von mir unterschieden zu erkennen. Das wird auch in der Namensgebung deutlich. Bis zur Erkenntnis von Gut und Böse wird die Frau nicht mit Namen genannt sondern heißt lediglich Ischa (Hebräisch). Das ist eine Ableitung von der Bezeichnung des Mannes der im Hebräischen Isch heißt. Luther übersetzt an dieser Stelle folgerichtig in Gen 2,1: man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.

 

Wenn wir Gen 3 unter diesem Aspekt betrachten, ist das die Geschichte von der Vervollständigung der Erschaffung des Menschen aus dem zweiten Schöpfungsbericht. Die Frau sorgt dafür, dass wir Menschen fähig sind, Erkenntnis zu erlangen und Unterschiede – auch den zwischen Mann und Frau – wahrzunehmen. Stellen wir uns vor, wie langweilig das Leben wäre ohne das Spiel der Geschlechter, ohne die gegenseitige Anziehung durch den Menschen, der mir gegenüber ist, in all seiner Andersartigkeit seinen faszinierenden aber eben auch seinen weniger faszinierenden Seiten.

[Es wäre eine eigene Predigt wert, sich der Frage zu stellen, warum die Schriftauslegung über Jahrhunderte diesen Aspekt nicht gesehen hat, dass die Frau es war, die mit ihrem Bestreben nach Klugheit, die Menschwerdung nach Gen 2 zur Vollendung geführt hat. Es hat mit Sicherheit mit der Männerdominanz zu tun, die den Frauen auch das Recht auf Bildung verweigert hat.]

Verantwortung übernehmen

Nach diesem Rückblick auf das vorhergehende Geschehen nun zum Tagesevangelium. Es gibt Exegeten die sagen, dass das, was da geschildert wird, der eigentliche Sündenfall ist. Beide, der Mann und die Frau, übernehmen keine Verantwortung für ihr Handeln, sondern schieben die Schuld auf andere. Besonders dreist verhält sich da der Mann. Mit dem Hinweis, dass die Frau, „die Du mir gegeben hast“ ihm von der Frucht gab, macht er sogar noch Gott mit verantwortlich. Er wirkt auch sonst sehr inaktiv: die Frau gab ihm und so hat er gegessen. Er hat die Frucht nicht einmal genommen. Dann hätte er noch die Chance gehabt sie nicht anzunehmen. Es mag spitzfindig erscheinen so zu argumentieren, aber es macht die Passivität des Mannes deutlich. Ein beliebtes Muster, sich obwohl Täter zum Opfer zu stilisieren.

Die Frau gesteht wenigstens noch ein, dass sie sich hat verführen lassen. Da wir die Geschichte davor kennen, wissen wir, dass die Schlange sich einige Mühe geben musste um an ihr Ziel zu kommen. ( Soviel Mühe hatte die Frau beim Mann nicht.)

 

Was wäre wohl geschehen, wenn die Frau dazu gestanden hätte, dass sie dem Wunsch nach Klugheit und Erkenntnis nicht wiederstehen konnte?

 

Die Schlange

Die Reaktion Gottes auf die Antwort der Menschen ist sehr interessant. Er wendet sich sofort der „Haupttäterin“ zu und verflucht sie. Ob in der Verfluchung der Schlange eine Distanzierung von der Schlange als Fruchtbarkeitssymbol der Babylonier gesehen werden muss, spielt hier keine große Rolle. Es ist sicherlich eine Erklärung für die Gefährlichkeit der Schlange – besonders der Giftschlange -   für die Landbevölkerung. Sie ist im Gras und im Gebüsch nicht leicht zu erkennen und mancher, der unvermittelt vom Weg ab ins Gelände geht, ist auf sie getreten und tödlich - an der Ferse - gebissen worden.

 

Die „Strafe“ für die Menschen.

Was hätte sich geändert, wenn Mann und Frau zu ihrer Tat gestanden hätten? Vielleicht hätte es statt der „Strafe“ den Hinweis auf die Ambivalenz von Wissen und Klugheit gegeben. Die Konsequenz aus der Erkenntnis von Gut und Böse ist nämlich, dass man beidem ausgesetzt ist. Das Gute ist nicht ohne die Erkenntnis des Bösen zu haben. Und damit bin ich immer wieder in Entscheidungssituationen. Ich stehe in der Auseinandersetzung um die zwei Seiten der einen Münze. Vielleicht wäre die Geschichte der Menschheit und besonders die von Mann und Frau anders verlaufen.

Für die Bestellung des Boden Mühe und Schweiß aufzuwenden hätte „Mann“ nicht als Strafe empfunden sondern als Notwendig anerkannt um etwas zu erreichen.

Und „Frau“ hätte zwar immer noch unter Schmerzen Kinder geboren, aber es wäre ihr vom Mann – und der Kirche – nicht verboten worden, nach Möglichkeiten zu suchen, die Schmerzen zu lindern.

 

Hättet ihr doch gesagt: „Ja wir haben gegessen!“

Wir hätten schlichtweg mit der Erkenntnis leben können, dass den Menschen nicht eine Erbsünde von Gott trennt sondern lediglich sein Unvermögen, sich in jeder Situation dem Bösen zu widersetzen. Oder vielleicht ist es auch die Schwierigkeit, in jeder Situation zu wissen, was jetzt gut und richtig und was schlecht und falsch ist. Vielleicht ist es an der Zeit, sich von der Vorstellung zu trennen, dass das Essen von der Frucht der Erkenntnis die große Erbsünde war.

Dank der Frau sind wir mit Klugheit ausgestattet, die uns immerwieder dazu befähigt, zwischen Gut und Böse, zwischen dem, was jetzt notwendig und was nicht Not wendend ist, zu unterscheiden. Manchmal reicht ja vielleicht der Versuch, die richtige Entscheidung zu treffen. Ob sie’s dann auch wirklich ist, muss sich erweisen.

 

 

Erstveröffentlichung: GOTTES VOLK, Lesejahr B, 5 / 2015, Katholisches Bibelwerk

Zusätzliche Informationen

Predigt und Supervision

Dr. Abraham Roelofsen