Kinderkatechese

Am Sonntag komme ich mit meiner Tochter (8 Jahre) aus der Familienmesse. Der Pfarrer hatte eine Kinderkatechese gehalten. Auf meine Frage, wie es ihr denn gefallen habe, sagt meine Tochter: "Langweilig. Ich habe nicht verstanden, was der gesagt hat." Ich musste ihr Recht geben, denn auch ich hatte nicht verstanden, was der Pfarrer mit seiner Katechese beabsichtigt hatte.

Ausgangspunkt war die Auseinandersetzung Jesu mit den Sadduzäern, die ihm mit der fingierten Geschichte von der Frau die nacheinander sieben Brüder heiratet eine Falle stellen (Mk 12,18-27). Sie wollen damit beweisen, dass es keine Auferstehung gibt, weil die Frau doch im Himmel nicht sieben Männern gehören kann. Die zentrale Antwort Jesu lautet: "Nur in dieser Welt heiraten die Menschen. Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können dann nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen [und Töchtern] Gottes geworden sind."

In der Katechese wurden dieser Geschichte drei kurze Erzählungen vorangestellt, in denen jeweils sieben Menschen etwas erleben und danach ist alles anders. Im Versuch, das Evangelium den Kindern nahe zu bringen wird es mit drei anderen Geschichten in Beziehung gesetzt. Die Katechese führte zu dem Ergebnis:: Wie in den Geschichten am Ende alles anders ist, so sagt Jesus, ist auch im Himmel alles anders. Dies scheint mir eine sehr magere Ausbeute für das Evangelium zu sein.

Versuch einer Annäherung

Ausgangspunkt ist zunächst der Schrifttext und das, was mir als zentrale Aussage daran wichtig ist. Dies ist, da stimme ich mit dem Pfarrer überein, die Aussage, dass "im Himmel alles anders ist". Eingebettet ist diese Aussage in die Geschichte von der Begegnung Jesu mit den Sadduzäern, die ihrerseits wieder eine Geschichte erzählen die rein fiktiv ist. Ich halte es für problematisch, wenn – wie es oft geschieht – der Geschichte des Evangeliums noch weitere Geschichten hinzugefügt werden. Letztendlich werde ich so keiner wirklich gerecht.

Eigentlich ist es so, dass, wenn ich mich in die Kinder und Erwachsenen hineinversetze, ihnen zum Evangelium selbst viele eigene Geschichten einfallen. Das ist das "Material", aus dem meine Predigt oder Katechese entsteht.

In einer Predigtgruppe wurden folgende Einfälle gesammelt: Wieso soll es im Himmel keine Ehe geben, finde ich unverschämt. / Ich will da mit meinem Mann zusammensein. / Ein alter Witwer wartet auf seinen Tod, weil er endlich wieder bei seiner Frau sein will. / Wieso soll ich im Himmel nicht mit meinem Partner zusammen sein? /  Einen 16-jährigen beschäftigt diese Stelle, weil seine Eltern geschieden sind. Es kommen auch einige Assoziationen zum zeitgeschichtlichen Hintergrund – Wichtigkeit der Nachkommenschaft, soziale Absicherung der Frau – und zum Frauenbild: Frau die weitergereicht wird.

Ich vermute, dass aus der Gemeinde ähnliche Einfälle gekommen wären, wenn man sie gefragt hätte. Das bedeutet, der Geschichte des Evangelium gesellen sich viele biographische Geschichten aus der Gemeinde hinzu. Für mich als Prediger und Katechet geht es nun darum, hier an der gemeinsamen Schnittmenge zu arbeite.

Evangelium und Biographie

Die Einfälle aus der Gruppe zeigen, dass die Grundfrage er Sadduzäer gar nicht so fiktiv ist, wie ihre konstruierte Geschichte es zunächst vermuten lässt. Es geht um die Frage: Wie werden unsere Beziehungen auf dieser Welt im Himmel zu Geltung kommen? Habe ich dann auch zwei Papas oder Mamas, fragt vielleicht das Scheidungskind. Oder: bin ich dann auch zwischen meinem leiblichen und dem neuen Elternteil hin und hergerissen? Wie werde ich meinen drei verstorbenen Frauen begegnen und welcher werde ich "gehören"?  Ich sehe doch hoffentlich meinen Opa da wieder. Und ich lerne endlich die anderen Großeltern kennen, die ich nicht gekannt habe.

Hinter all diesen Überlegungen steht die Frage danach, wie wir uns den Himmel vorstellen können und wie sich das Zusammenleben dort gestalten wird. Es ist klar, dass diese Vorstellungen nicht einmal Annäherungswerte darstellen und doch kommen wir als Menschen ohne solche raum-zeitlichen Bilder nicht aus. Diese Vorstellungen vom Himmel lassen sich innerhalb einer Katechese durchaus mit den Kindern erarbeiten. Dazu helfen die Fragen: Wie stelle ich mir den Himmel vor und: was erwarte ich vom Himmel, wen will ich da treffen? Die Verbindung zum Evangelium liegt auf der  Hand, denn auch die Sadduzäer haben letztendlich diese Frage. Auch wenn sie Jesus eine Falle stellen, sieht er das dahinter liegende Problem, nimmt es ernst und antwortet darauf.

 

Die Antwort Jesu

Die Antwort Jesu beinhaltet drei Elemente.

1. Im Himmel wird nicht geheiratet, Im zeitgeschichtlichen Kontext und bezogen auf die Fragestellung bedeutet dies, dass die Frau niemandem  "gehören" wird. Das heißt, die hier geltenden Besitzverhältnisse sind aufgehoben. Damit ist aber noch nichts über die Beziehungsfähigkeit und die Geschlechtlichkeit gesagt.

2. Die Menschen können im Himmel nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich geworden sind. Das bedeutet, das, was die Menschen im Himmel mit den Engeln gemeinsam haben, ist ihre Unsterblichkeit. Diese Einschränkung, dass es bei diesem Satz um die Aussage der Unsterblichkeit geht, wird oft schnell übersehen. Meistens wird er so verstanden, dass wir dann Engel sind. Damit wird dann, gerade im Kontext dieser Schriftstelle, in der Regel unreflektiert ein geschlechtsloses Wesen verstanden.

3. Die Menschen werden durch die Auferstehung als Söhne [und Töchter] Gottes im Himmel leben. Damit ist aus biblischer Sicht eindeutig gesagt, dass wir unsere Geschlechtlichkeit im Himmel nicht verlieren. Wir werden als Männer und Frauen dort sein. Das zentrale Beziehungsgefüge wird dann aber durch das Verhältnis zu Gott bestimmt – Söhne und Töchter – und nicht durch unsere irdischen Beziehungen. Hierin liegt das Neue, das ganz andere, was uns im Himmel erwartet.

So sehr für die Frau aus dem Evangelium die Heirat mit den sieben Brüdern ihr Leben bestimmt hat, so sehr wird nun die Beziehung zu Gott ihr Dasein bestimmen. Die Gewichte haben sich verschoben. Der Text sagt aber nicht, dass das, was vorher war, vollständig aufgehoben ist. Was mit Sicherheit nicht mehr gilt, das sind die Besitzverhältnisse, denen die Frau unterlag, denn auch sie ist jetzt wirklich eine gleichberechtigte Tochter Gottes.

 

Der katechetische Ertrag

Noch einmal zurück zu den Kindern im Gottesdienst. Ausgangspunkt waren die Himmelsbilder, die die Kinder entwickeln. Hier kann es durchaus möglich sein, zunächst die Kinder sich untereinander ihre Vorstellungen erzählen zu lassen.

In der anschließenden Begegnung mit der Aussage des Evangeliums werden diese Bilder dann aufgegriffen und transzendiert: es wird so und ganz anders sein.

1. Niemand gehört niemandem. Die Frauen in Israel waren den Männern zugeordnet. Sie hatten keinen selbständigen Rechtsanspruch. Die Männer bestimmten über das Leben der Frauen. Dieser Aspekt kann innerhalb der Katechese mit ein paar Sätzen für die Erwachsenen deutlich gemacht werden. Es ist auch bei uns noch nicht sehr lange her, dass die Frauen selbständig keine Rechtsgeschäfte erledigen konnten. Auch ist unterschwellig oft noch in den Köpfen der Partner der Gedanke verhaftet. Meine Frau gehört mir / mein Mann gehört mir.

Für die Kinder ist dieser Aspekt der Partnerschaft noch nicht relevant. Die Entsprechung liegt in der Zugehörigkeit zur Familie, bzw. zu dem Elternteil bei dem sie leben. Dazu kommt für die Kinder und verstärkt für die Jugendlichen die Bedeutung von Freundschaften. Auch hier besteht die "Gefahr" des Besitzanspruchs und der Ausschließlichkeit: wer gehört zu wem? Diese Erfahrung kann mit den Kindern besprochen werden. Das Gefühl, irgendwo nicht dazu zu gehören werden sie kennen. Und auch das andere, dass sie eifersüchtig darüber wachen, wer zur Clique gehört und wer nicht.

2. Wir werden sein wie Engel und nicht mehr sterben. Es geht nicht darum, dass wir engelgleiche Wesen werden sondern der Bezugspunkt ist die Unsterblichkeit. Hier kommen Leid, Krankheit und Tod zur Geltung. All das gibt es im Himmel nicht mehr. Der Himmel ist die Abwesenheit von allem was krank macht und tötet.

In der Katechse mit den Kinder kommt es darauf an, diesen Engelaspekt ins Blickfeld zu holen. Das Gespräch darüber kann beginnen mit der Frage, wie die Kinder sich Engel vorstellen, was sie über Engel "wissen", was ihnen Engel bedeuten. Damit können mögliche religiöse Floskeln in konkrete Bilder übersetzt werden.

3. Die Aussage Jesu gipfelt in der Zusage, das wir Söhne und Töchter Gottes sein werden. Das, was uns hier sicher wichtig ist und was unser Leben auch bestimmt, nämlich zu wissen wer wir sind und wohin wir gehören, das wird in seiner Bedeutung zurückgestuft. Ich mache mir Gedanken, über meine beruflich Situation, über meine Fähigkeiten, meine Beziehungen in denen ich lebe, darüber, wie ich in der Gesellschaft, in meinem Wohn- und Lebensumfeld dastehe. Das kennen auch die Kinder schon. Jetzt ist es wichtig, dass ich der bin, der ich bin: Peter, Karl Karin oder Jannett mit allem was ich kann. mit meiner Familie, meiner Gruppe in der ich lebe und mit meinen Freundinnen und Freunden. Dann aber, wenn wir im Himmel sind, werden wir in erster Linie Söhne und Töchter Gottes sein und damit mehr und anders Peter, Karl, Karin und Jannett. Und alles, was uns bedrückt und Angst macht, alles, was das Leben schwer und traurig macht, das wird es nicht mehr geben, denn es gibt keinen Tod mehr. Mit dieser Zusage aus dem Evangelium kann die Katechese und die Predigt schließen.

Was bleibt

Mit dieser Vorgehensweise haben die Kinder und auch die Erwachsenen Bilder und Beispiele aus dem eigenen Leben in der Hand, mit denen sie die Aussage des Evangeliums für sich füllen können. Das ist mehr als nur zu sagen, im Himmel ist alles anders. Auch das Evangelium ist hier ja konkret. Eine so angelegte Katechese und Predigt bringt das Evangelium von der Begegnung Jesu mit den Sadduzäern in eine Begegnung Jesu mit uns und unserem Leben. Die Fragen, die geblieben sind, sind meine eigenen, kommen aus meiner Biographie und betreffen meine Vorstellungen von Jesus und von der Auferstehung. Damit habe ich für den Rest der Woche genug Stoff, mich mit mir und meinem Gottesbild zu beschäftigen. Bis zum nächsten Sonntag. Da gibt es dann neue frohe Botschaften.



 Erstveröffentlichung: Pastoralblatt 12/2005, 372-374

Predigt und Supervision

Dr. Abraham Roelofsen