Lesejahr: Lesejahr C

Die Frauen stehen im Mittelpunkt Lk 1,39-45

Zwei Kinder

In der Exegese ist diese Perikope geprägt von der Begegnung der beiden ungeborenen Kinder Johannes und Jesus und den prophetischen Aussagen der beiden Frauen. Elisabeth, die erkennt, dass „die Mutter meines Herrn“ zu ihr kommt, und Maria, die das Magnificat anstimmt in dem sie die Heilstaten Gottes preist, der das „Untere zu Oberst“ kehrt.

In der Homilie ließe sich gerade aus dem letzteren einiges machen. Auch hier finden wir wieder, wie beim Propheten Micha, eine politische Botschaft. Dabei wären wir aber nicht mehr bei den beiden Frauen, sondern wieder einmal bei den Kindern. Und was bleibt von den beiden Frauen? Welche Botschaft kann von der Begegnung dieser beiden Frauen unabhängig von ihren ungeborenen Kindern ausgehen?

Maria, schwanger und allein

Da ist einmal Maria. Sie ist mit einer unvorhergesehenen Schwangerschaft konfrontiert. Die Frauen in der Gemeinde wissen besser als jeder Prediger, was das für eine Frau bedeutet. Zumal noch völlig unklar ist, wie sich Josef verhalten wird. Nach den Schrifttexten ist nichts davon bekannt, dass Maria sich ihm anvertraut hat. Er hätte ihr wohl auch die Geschichte mit dem Engel nicht geglaubt, weil es eben unglaublich ist. Maria ist mit dieser Situation alleingelassen. Wie oft hat sie wohl in den nächsten Wochen – wenigstens so lange, bis klar ist, dass Josef zu ihr steht - ihr Ja-Wort bereut? War sie da nicht ein bisschen voreilig? Ich kann mir vorstellen, dass der Weg zu Elisabeth auch ein Weg zu der „Freundin“ ist, mit der sie das Schicksal der unvorhergesehenen Schwangerschaft teilt. Sie braucht jetzt jemanden mit dem sie reden kann. Es muss nur jemand sein, der zuhört, nicht jemand, der gute Ratschläge gibt.

Ein homiletischer Ansatzpunkt könnte dieser Aspekt sein. Wir haben oft die Erwartung, dass der andere von uns konkrete Hilfe möchte. Das erste aber ist oft die einfache Anwesenheit, das Dasein.. Das Konkrete kann sich dann immer noch daraus ergeben.

Um zu ihrer Tante zu kommen, nimmt sie eine lange Reise, 5 bis 6 Tage anstrengenden Fußmarsch, auf sich. Dazu kommt, dass sie selbst gerade schwanger ist und wohl auch unter der oft auftretenden Übelkeit in den ersten Monaten zu kämpfen hat

Elisabeth, schwanger im Alter – mindestens ungewohnt

Und Elisabeth? Auch hier hat der Evangelist mehr das Kind im Blick als die schwangere Elisabeth, die sich freut, dass ihre Nichte sie besuchen kommt. Ich vermute einmal völlig profan, dass die Freude der Mutter über den unerwarteten Besuch sich auf das Kind überträgt und es so in Bewegung bringt. Auch hier dürfen wir davon ausgehen, dass es für die „alte“ Frau nicht ganz einfach war, sich mit dieser Schwangerschaft abzufinden, ja sie sogar zu bejahen. Für erfahrene Bibliologen könnte es reizvoll sein, mit der Gemeinde diese Begegnung ins Wort zu bringen.

Sorge füreinander

Das Thema der Perikope ist dann im Blick auf diese beiden Frauen Begegnung und Sorge füreinander. Maria, die sich auf den Weg zu Elisabeth macht, als sie von der Schwangerschaft erfährt und Elisabeth, die für Maria eine Ansprechpartnerin in einer unvorhergesehenen nicht einfachen Situation ist. Ich denke es lohnt sich, einmal diese Seite in den Blick zu nehmen und sich nicht von den prophetischen Worten, die der Evangelist ihnen in den Mund legt ablenken zu lassen von dem, was in erster Linie zwischen diesen beiden Frauen geschieht. (Eigentlich ein Anlass, einmal eine Frau zu diesem Evangelium predigen zu lassen.)    

 

Vor Weihnachten Karfreitag im Blick Hebr.10,5-10

Wenn am 4. Adventssonntag dieser Abschnitt aus dem Brief an die Hebräer gelesen wird, dann zeigt das, dass die Periopenschneider das Weihnachtsgeschehen schon im Blick haben. Der Sohn Gottes, der geboren wird, hat einen Leib. Das heißt er ist ganz und gar Mensch, so wie wir. Die Vorstellung, dass Jesus sich mit diesem Leib am Kreuz für unsere Sünden opfert, ist die Grundaussage dieses Textes.

Jesu „Opfer“ und die Opfertiere im Tempel

Die zweimalige Erwähnung der Brand- und Speiseopfer, die nun nicht mehr gelten, macht den Gegensatz zwischen Juden und Christen deutlich. Die Exegese geht davon aus, dass der Brief sich an Judenchristen wendet, die in der Gefahr sind, angesichts einer bevorstehenden Verfolgung vom christlichen Glauben abzufallen. Diesen soll in Erinnerung gerufen werden, dass Jesus sich für ihr Heil geopfert hat. Man könnte davon ausgehen, dass damit auch der „Anspruch“ verbunden wird, sich seinerseits in der Verfolgung dem Opfer nicht zu entziehen. Davor aber steht der Hinweis. „Ja ich komme … um deinen Willen Gott zu tun.“ (V7) Das kann darauf hindeuten, dass es nicht in erster Linie um das Martyrium geht, sondern um die Ausrichtung auf den Willen Gottes. Diesen in jeder Situation für sich zu entdecken, ist dann der Anspruch des Textes, der auch an uns gerichtet ist.

Vorsicht: Das Ende der Tempelopfer ist nicht das Ende Israels

Der Gegensatz: Brandopfer und der Leib, der ihm - Jesus - gegeben ist, macht deutlich dass dieser „Opferleib“ das alttestamentliche Opfer ablöst.

An dieser Stelle gilt es, eine mögliche antijudaistische Tendenz nicht aufkommen zu lassen. Denn was liegt näher als zu denken, wenn Jesus jetzt das Opfer ist – einen Leib hast du mir gegeben – dass dann die jüdischen Brand- und Speiseopfer obsolet sind. Solche Zusammenhänge führten in der Kirchengeschichte nicht selten dazu, mit der „Abschaffung“ der Brand- und Speiseopfer das Judentum als Ganzes als nicht mehr existenzberechtigt anzusehen. Diese gefährliche Sichtweise muss in der Homilie auf jeden Fall im Auge behalten werden, weil sonst ohne es zu merken eine antijudaistische Tendenz durchschlagen könnte.

Spiritualität und Engagement

Für die Homilie könnte die Lösung darin liegen, dass von der jesuanisch neutestamentlichen Zeit abgesehen wird und aus dem Gegensatz Brandopfer und Leib Jesu, der eigene Leib, das persönlichen Engagement für das Reich Gottes in den Focus der Aufmerksamkeit genommen wird.

Die Grundrichtung heißt dann: weg von dem äußerlichen Tun hin zur inneren Haltung der Spiritualität. Ich vermute, dass im Christentum noch oft unser Handeln, das „Gutes Tun“ von der Erwartung durchdrungen ist, das es gut für unser Seelenheil ist. So kann ich mir den Himmel ein Stück verdienen. Das jedenfalls ist noch die Erziehung, die ich in meiner Kindheit und Jugend erfahren habe. (Jahrgang 1949)

Etwas anderes ist es, ob ich aus einer christlichen Haltung der Nächstenliebe mein Handeln bestimmen lasse, wobei es für mich völlig sekundär ist, ob ich mir damit meine Aussichten auf den Einzug ins himmlische Jerusalem verbessere oder nicht. Das kann zu der in früherer Zeit als paradox erlebten Erfahrung führen, dass das Engagement der Christen und der Nichtchristen sich in nichts unterscheidet.

Zeuge des Glaubens oder der Nächstenliebe?

Die angesichts der Heiligsprechung von Oskar Romero wieder aufgeflammte Debatte, ob Märtyrer Zeugen des Glaubens oder auch der Nächstenliebe sein können – was als Gegensatz wahrgenommen wird – zeigt eine ähnliche Unsicherheit.

„An Brand- und Speiseopfern hast du keinen Gefallen. Einen Leib hast du mir gegeben...“ Den hat jeder und jede von uns. Und „Ja, ich komme … um deinen Willen, Gott, zu tun.“(7). Machen wir was draus.

 

 

Erstveröffentlichung: © Katholische Bibelwerk Stuttgart, Gottes Volk 1/2016

 

Predigt und Supervision

Dr. Abraham Roelofsen