Nicht belehren sondern mitleben

Das Johannesevangelium beginnt, nach dem großen Prolog direkt mit der Ankündigung des Messias durch den Täufer. Die maßgeblichen Juden aus Jerusalem schicken eine Abordnung aus Priestern und Leviten, um Johannes nach seinem Auftrag zu befragen. Sie wollen wissen, ob er der Messias ist (V 1,19-28). Dies deutet darauf hin, dass zur Zeit Jesu die Erwartung auf das Kommen des Messias in allen Bevölkerungsgruppen gegeben war. Aus anderen historischen Quellen wissen wir, dass das Auftreten von Männern, die sich als Messias ausgaben, recht häufig war. Der Täufer Johannes mit seiner Umkehrpredigt und Messiasankündigung und auch Jesus mit seiner Rede vom Reich Gottes treffen somit auf eine Erwartungshaltung der Menschen ihrer Zeit.

 

Die Tatsche, dass die ersten Jünger aus dem Kreis um den Täufer kommen, hat zu Spekulationen geführt, ob über diesen Weg auch direkte Verbindungen zur Gemeinschaft von Qumran angenommen werden können. Für eine solche Verbindung gibt es keinen Hinweis. Wohl kann davon ausgegangen werden, dass Johannes und auch Jesus die Gruppe kannte, aber eine personelle und inhaltliche Verbindung wird heute nicht mehr angenommen.

 

Entgegen der Darstellung der Synoptiker steht für den Evangelisten Johannes nicht die Bußpredigt des Täufers im Vordergrund, sondern seine Aufgabe, auf den kommenden Messias hinzuweisen. Diese Vorläuferrolle wird hier noch dadurch unterstrichen, dass die ersten Jünger, die sich Jesus zuwenden aus der Gruppe um Johannes stammen. Es fällt auf, dass beide nicht von Jesus gerufen werden, sondern durch den Hinweis des Täufers sich Jesus anschließen. Dasselbe - die Nichtberufung - lässt sich für Simon sagen. Er wird von seinem Bruder Andreas auf Jesus aufmerksam gemacht. Ob der Evangelist hier schon einen Hinweis auf das missionarische Handeln der Urkirche zum Ausdruck bringen will, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.

 

Für die Homilie ist es aber dennoch eine Möglichkeit, diesen Aspekt hervorzuheben. Dazu passt auch der weitere Handlungsstrang. Nachdem Johannes seine Jünger auf Jesus aufmerksam gemacht hat, gehen sie zu ihm. Mit der Anrede Rabbi – Meister – stellen sie sich als Menschen vor, die ihm als ihrem Meister im Sinne eines Lehrer-Schüler-Verhältnisses folgen wollen. Dieses wird von Jesus nun nicht in der Weise angenommen, dass er anfängt, sie zu unterrichten, sondern er lädt sie schlicht ein, mitzukommen und zu schauen. Das ist sicherlich so zu verstehen, dass sie im Mitleben erleben sollen, welche Botschaft er zu verkünden hat.

Im Blick auf die „Vorgeschichte“ der Perikope von den ersten Jüngern, die Jesus folgen, ergibt sich ein zweiter homiletischer Ansatz. Was waren das für Menschen, die sich um den Täufer scharten? Welche Verbindungen gibt es zwischen der Messiaserwartung, der Sehnsucht nach Heil in der Zeit Jesu und unserer Zeit. Das Aufblühen der Esoterik und spiritueller Angebote sind deutliche Zeichen für eine Suche nach Sinn, Heil und für eine Sehnsucht nach mehr, als nur materiellem Wohlstand.

Predigt und Supervision

Dr. Abraham Roelofsen